Ein Brief von Einsteins Vater
13. April 1901
Professor Wilhelm Ostwald
Universität Leipzig
Leipzig, Deutschland
Hochgeehrter Herr Professor!
Verzeihen Sie gütig einem Vater, der es wagt, im Interesse seines Sohnes
sich an Sie, geehrter Herr Professor, zu wenden. Ich schicke voraus,
daß mein Sohn Albert Einstein 22 Jahre alt ist, 4 Jahre am Züricher
Polytechnikum studierte & im letzten Sommer das Diplom-Examen in Mathematik
& Physik glänzend bestand. Seitdem erstrebte er vergebens, eine Assistentenstelle
zu erlangen, die ihm eine Weiterausbildung in der theoretischen & experimentalen
Physik ermöglicht. Alle, die es zu beurtheilen vermögen, rühmen seine
Begabung, in jedem Falle jedoch kann ich versichern, daß er außerordentlich
strebsam & fleißig ist & mit großer Liebe an seiner Wissenschaft hängt.
Mein Sohn fühlt sich nun in seiner gegenwärtigen Stellenlosigkeit tief
unglücklich & täglich setzt sich die Idee stärker in ihm fest, daß
er mit seiner Carriere entgleist sei & keinen Anschluß mehr finde. Dabei
drückt ihn noch das Bewußtsein, daß er uns, die wir wenig vermögende
Leute sind, zur Last falle. Da nun mein Sohn Sie, hochgeehrter Herr
Professor, von allen heute wirkenden Gelehrten der Physik wohl am meisten
verehrt & hochschätzt, so erlaube ich mir, mich gerade an Sie zu wenden
& die höfl. Bitte an Sie zu richten, die von ihm in den Annalen für
Physik veröffentlichte Abhandlung zu lesen & ihm event. ein paar Zeilen
der Ermunterung zu senden, damit er seine Lebens- & Schaffensfreudigkeit
wieder erlangt. Sollte es Ihnen überdies möglich sein, ihm für jetzt
oder nächsten Herbst eine Assistentenstelle zu verschaffen, so würde
meine Dankbarkeit eine unbegrenzte sein. Ich bitte Sie nochmals um Entschuldigung
wegen meiner Dreistigkeit, diese Zeilen an Sie zu richten & erlaube
mir noch beizufügen, daß mein Sohn von meinem ungewöhnlichen Schritt
keine Ahnung hat.
Ich verharre, hochgeehrter Herr Professor, mit vorzüglicher Hochachtung
ergebenster
Hermann Einstein
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Hermann Einstein
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